Die Basis ist niemals statisch!

„Die Basis ist niemals statisch“, höre ich mich im Training immer wieder mal sagen.

Es ist meine Antwort auf die Frage, was genau ich eigentlich mit einem „aktiven“ Standbein meine. Das Standbein sei doch einfach fest.

„Die Basis ist niemals statisch.“ formen sich dann die Worte aus meinem Mund.

Die Mehrdeutigkeit in diesen Worten ist beabsichtigt.

Über das Ballett ist es mir möglich, abstrakte Themen aus dem realen Leben greifbar und vor allem spürbar zu machen.

Wie z.B. die Sache mit unserer Basis.

Es gibt keinen Stoff auf der Welt, der statisch ist.

Egal wie fest ein Stoff ist, wenn etwas auf ihn einwirkt oder an ihm zieht, findet in ihm Bewegung statt.

Es mag sein, dass diese Bewegungen für unser menschliches Auge nicht zu sehen sind.

Doch nur, weil wir etwas mit unserem bloßen Auge nicht sehen können, bedeutet das nicht, dass es nicht da ist.

Im Ballett arbeiten wir sehr viel auf einem Bein stehend.

Das Bein, das den Kontakt zum Boden hat, nennen wir sinnigerweise Standbein.

Das andere, das sich in der Luft bewegt, Spielbein.

Ich nutze gerne die Metapher, in der das Standbein für Deine Basis im Leben steht, von der aus Du Deinen Alltag gestaltest.

Das Spielbein entspricht dagegen Deinen alltäglichen Herausforderungen.

In der Regel ist es so, dass die meisten sich im Training auf das Spielbein konzentrieren.

Hat es die richtige Ausrichtung?
Ist die Ausführung sauber und korrekt?

Ist es muskulär sehr anstrengend (kommt vor ;)), höre ich förmlich Gedanken durch den Raum schwirren wie:

„Oh mein Gott, ist das schwer!“
„Ich kann nicht mehr!“
„Aua!“
„Uff!“
„Das schaff ich nie!“
„Oh nein, das dauert noch so lange, bis ich mein Bein wieder runterlassen darf!“
„Oh Gott, erst die Hälfte geschafft!“.

….

😀

Was die meisten dabei vergessen: Ihr Standbein.

Sie sind so sehr damit beschäftigt, all die Anforderungen zu erfüllen, die an ihr Spielbein gestellt werden, dass sie ihre Aufmerksamkeit von ihrem Standbein total abziehen.

Genauso handhaben wir es in der Regel im Alltag.

Scheinen wir in unseren Alltags-Anforderungen zu versinken, schmeißen wir ganz schnell zuallererst alles über Bord, was uns in unserer Basis stärkt:

Den Schlaf.
Das Meditieren.
Den Sport.
Die Freunde.
Das Lesen.Schreiben.Malen.Singen.Tanzen.Musizieren…
Das Genießen.
Das Pause machen.
Das Essen.
Die Zweisamkeit.
Die Mit-sich-selbst-Seinkeit.
Die Familienzeit.
Das Planen.
Den Urlaub.
Die Massage.
Die persönliche Weiterentwicklung.
Die Dankbarkeitspraxis.
Das Erfolgs-Journaling.
….

Wir nehmen unsere Aufmerksamkeit von dem, was uns mit Energie versorgt und Stabilität verleiht.

Im Ballett ist das das Standbein.

Entziehst Du dem Standbein die Aufmerksamkeit und es arbeitet in der Folge nicht mehr richtig mit, muss das Spielbein die Aufgaben des Standbeins mit übernehmen.

Als hätte das nicht schon genug zu tun.

Ist das Standbein z.B. nicht mehr voll gestreckt und das Becken nicht richtig ausgerichtet, arbeitet es nicht mehr in selbem Maße AKTIV mit wie das Spielbein.

Das Standbein MUSS aber IMMER aktiv mitarbeiten, sonst wird die Basis instabil und das Spielbein muss diese fehlende Aktivität der Basis ausgleichen.

Damit ist es so sehr beschäftigt, dass es seine eigentliche Arbeit nicht mehr richtig machen kann.

Das kostet unfassbar viel Kraft und wirkt sich auf andere Bereiche des Körpers sichtbar aus (bspw. durch nicht mehr stattfindende Atmung).

Was passiert ist, dass die Bewegungen nicht mehr fließen können und energetisch starr werden.

Wir ermüden schnell und sind unzufrieden, weil wir in unseren Ausführung unseren Ansprüchen nicht gerecht werden.

Ich liebe die zunächst etwas ungläubigen Blicke, wenn meine Trainees das erste Mal hören, dass sie in diesen Momenten ihre volle Aufmerksamkeit auf ihr Standbein geben sollen, um ihr Spielbein zu unterstützen.

Genauso liebe ich ihr Strahlen, wenn sie feststellen, dass das WIRKLICH hilft und sie etwas in der Hand haben, was sie in ihrer Selbstwirksamkeit bestärkt und sie der Herausforderung gegenüber nicht hilflos ausgeliefert fühlen lässt.

Auch im Alltag fällt es vielen schwer zu glauben, dass gerade im größten Chaos eine Pause, eine Meditation, ein langer Spaziergang mehr bringt, als weiterzuarbeiten.

Oder dass in einer Lebensphase, in der ein Unglück das nächste zu jagen scheint, ausgerechnet das Führen eines Dankbarkeitstagebuches die schnellsten und größten Fortschritte mit sich bringen kann.

Doch wenn Dir im Alltagsgeschäft alles um die Ohren zu fliegen droht, ist es gut, Deinen Fokus auf Deine Basis zu lenken.

Alles andere ist Symptombekämpfung.

Dein Standbein ermöglicht Dir eine gute Bodenhaftung, die Dir einerseits ermöglicht, Dich in der Wirbelsäule lang aufzurichten und präsent im Raum zu stehen, während sich Dein Spielbein frei bewegen kann.

Beim Ballett kannst Du zudem sehr genau spüren, dass unterschiedliche Aktionen des Spielbeins unterschiedliche Aktionen im Standbein erfordern.

Führst Du das Spielbein nach vorne, arbeitet Dein Standbein ganz anders mit, um Stabilität zu gewährleisten, als wenn Du das Spielbein zur Seite oder nach hinten führst.

Das wiederum verdeutlicht für Deinen Alltag, dass es nicht ausreicht, Dich nur auf einer Ebene mit der Stabilität Deiner Basis zu beschäftigen.

Meditation ist nicht das Allheilmittel zum Stressausgleich.

Genausowenig Sport allein.
Oder gutes Essen.
Oder Urlaub.

Dir eine stabile Basis aufzubauen und zu erhalten ist ein komplexer Prozess des Dich-Suchens und Dich-Findens und des Dich-Spüren-Lernens.

Es sind so viele Ebenen daran beteiligt, die Du beim Ballett z.B. stellvertretend durch die Muskulatur und die einzelnen Körperteile betrachten kannst.

Da gibt es neben den großen, sichtbaren Muskeln unzählige kleine/re Muskeln, die in den unteren Schichten liegen und von denen Du bisher vielleicht noch nicht mal wusstest, dass sie existieren. 😉

Was ihre Bedeutung und ihr fehlendes Training in ihrer Auswirkung auf und für Dich nicht mindert.

Eine stabile Basis aufzubauen ist ein intensiver Dich-selbst-kennenlernen-Prozess

Die Koordination der Körperteile ist ebenfalls eine Herausforderung:

Lässt Du die Schultern im Balletttraining locker, ist Dein Rücken zu entspannt.

Dadurch rutschen Dir die Schultern nach oben, die Ellbogen nach unten, während Deine Hände zu Klauen erstarren, in dem verzweifelten Versuch, irgendwo Halt zu finden.

Dir eine stabile Basis aufzubauen – egal ob im Ballett oder für Dein Leben – ist ein intensiver Dich-selbst-kennenlernen-Prozess auf ALLEN Ebenen.

Im Mittelpunkt steht im Conscious Ballet ® dabei zu JEDEM Zeitpunkt die radikale Selbstannahme und Selbsterlaubnis.

Du fällst um, sobald Du Dein Bein nach hinten hochheben sollst? Fein.

Auf einem Bein stehen mag Dir einfach nicht gelingen? Völlig in Ordnung.

Das alles darf genau so sein, wie es ist.

Kannst Du vollständig annehmen, was und wie etwas JETZT GERADE ist, ist Veränderung und Entwicklung möglich.

Vorher nur schwerlich.

Solange sich innerlich etwas in Dir gegen das wehrt, was IST, steckst Du im Kampf-Modus.

Und im Kampf-Modus kannst Du nicht nachhaltig Veränderung herbeiführen.

Beispiel: Du schämst Dich, dass Deine Balancen nie sicher sind. Dein Urteil über Dich ist, dass Du es bereits besser können solltest.
Anstatt Dich nun auf das zu konzentrieren, was zu tun ist, um diese Sicherheit herzustellen, brichst Du Deine Balancen immer vorzeitig ab und tust so, als hättest Du einen Krampf in der Wade o.ä., um (vor Dir selbst) zu vertuschen, dass Du es nicht so gut kannst, wie Du gerne würdest.

Im Kampf-Modus bekämpfst Du immer nur Dich selbst. Eine Veränderung und Ent-Wicklung wird dadurch unmöglich.

Gibst Du den Kampf GEGEN Dich selbst auf und ersetzt es durch ein Ringen MIT Dir, werden sich Veränderungen einstellen können.

Im Ringen um den bestmöglichen Weg geschieht Veränderung aus Dir selbst heraus. Du entwickelst ein Gefühl für die Sache und beginnst, von innen nach außen zu leben.

Hast Du diesen Punkt erreicht, hast Du die Strategie-Ebene verlassen.

Statt Deine jetzigen Verhaltens-Strategien durch die „richtigen“ zu ersetzen, löst Du Dich von dem Gedanken, überhaupt Strategien zu benötigen.

Was nicht bedeutet, dass Du keine Ziele und/oder Visionen haben kannst.

Doch anstatt Dich mit rein kognitiv erdachten Strategien an Dein Ziel zu pushen, kannst Du den Weg zu Deinem Ziel auch erspüren, indem Du alles und jede:n mit Dir in Verbindung setzt.

Spüre, was jemand oder etwas mit Dir macht und wie sich das für Dich anfühlt und entscheide dann, ob Du mit diesem Menschen oder dieser Situation in Beziehung gehen möchtest bzw. WIE Du in Beziehung treten möchtest.

Und aus diesen Informationen heraus wählst Du mit Unterstützung Deines Verstandes Deine nächsten Schritte.

Auch das trainieren wir im Ballett:

Eine vorgegebene Form so auszuführen, wie sie Deinem Körper entspricht und so mit Leben zu füllen, dass sie Dein Wesen ausdrückt.

Jede:r von uns hat ihre/seine ganz eigene Körpersprache, die so individuell ist wie ein Fingerabdruck.

Führe ich dieselbe Bewegung aus wie Du, wird sie niemals genauso aussehen wie bei Dir.

Durch meine Bewegung spricht mein Wesen.

Und durch Deine Bewegung spricht Dein Wesen. ♥︎

Und genauso ist es mit unserem Leben:

Mein Leben verkörpert mein Wesen.

Und Dein Leben verkörpert das Deinige.

Zumindest ist das Leben in meinen Augen dafür da. Wozu sonst? Zum Arbeiten und Rechnungen bezahlen sicherlich nicht.

Schau Dir Dein Leben an: Siehst Du Dein Wesen darin verkörpert?

Falls NEiN: Was müsste sich ändern, damit Dein Wesen durch Dein Leben zum Ausdruck kommt?

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